Die Luhmannsche Systemtheorie (in Abgrenzung zur allgemeinen Systemtheorie von
Ludwig von Bertalanffy u. a. sowie zur Theorie sozialer Systeme von
Talcott Parsons) gilt derzeit als eine der wohl siegreichsten und populärsten Theoriemodelle im deutschen Sprachraum, nicht nur in der Soziologie, sondern ebenso in so diversen Feldern wie der
Psychologie, der Theorie des
Management oder der Literaturtheorie.
Luhmann entlehnt Grundbegriffe der Systemtheorie von
Humberto Maturana. Ein System definiert sich danach selbst, indem es einen Unterschied zu seiner
Umwelt markiert. Luhmann spricht mit Maturana von autopoietischen (griech.: selbsterzeugend), in operativer Hinsicht geschlossenen Systemen. Im Gegensatz zu Maturana, der den Begriff der Autopoiesis strikt auf Organismen beschränkt, weitet Luhmann ihn auf sinnkonstituierende Zusammenhänge aus.
Hieraus ergeben sich erkenntnistheoretische Konsequenzen, die Maturana als Vertreter des
Radikalen Konstruktivismus als erster formuliert hat und die ebenso Luhmann i.W. teilt.
Letztelemente sozialer Systeme, postuliert Luhmann, sind nicht ungefähr handelnde Menschen, sondern Kommunikationen. Ein soziales System steuert sich selbst, in dem es ständig Kommunikationen produziert und anschlussfähig hält. Psychische Systeme (Bewusstsein) können nicht kommunizieren, sie denken; nur soziale Systeme (Interaktion, Organisation, Gesellschaft) können sich kommunikativ anregen.
Luhmann radikalisiert den Kommunikationsbegriff und definiert ihn als dreifache Selektion aus "Information, Mitteilung und Verstehen". Sein berühmtestes Bonmot zur weltgesellschaftlichen Kommunikation lautet: "Hier zählt jeder Fluch der Ruderer auf den Galeeren".
Luhmann hat Beschreibungen für einfache Interaktionssysteme (z.B. Liebesbeziehungen), Organisation, der Weltgesellschaft sowie für eine Vielzahl sozialer Funktionssysteme wie Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Erziehungswesen, Politik, aber ebenso Sozialarbeit und Kunst angefertigt bzw. angeregt. Dabei bedient er sich der Theoriefigur der "operativen Geschlossenheit" jedes der funktional differenzierten Systeme sowie des Gesellschaftssystems im Allgemeinen. Diese Art der Analyse soll dem Soziologen/der Soziologin die trennscharfe Zurechnung von Kommunikationen, Ereignissen, Erlebnissen und kommunikativen Handlungen auf die gesellschaftlichen Subsysteme, ihre Codes, Medien, Strukturen, Frames und Programme ermöglichen.
Die Luhmannsche Systemtheorie hat eine teilweise heftige Debatte nicht nur in der Soziologie entfacht. Aus erkenntnistheoretischer Perspektive wird moniert, die Theorie laufe aufgrund ihres
tautologischen Ansatzes leer und sage uns nicht mehr über die Welt, als was wir aufgrund fachwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht ohnehin schon über sie wissen oder wissen könnten.