Sein Pseudonym fand O. Henry 1899 in einem Arzneimittelhandbuch, als er sich im Staatsgefängnis von Ohio zum Apothekergehilfen weiterbildete. Die Resozialisierungsmaßnahme erwies sich als unnötig.
Porter, der sich seit seinem 16. Lebensjahr in häufig wechselnden Anstellungen als Verkäufer, technischer Zeichner, Bankangestellter, aber ebenso als Journalist für die Houston Post durchgeschlagen hatte, galt schon vier Jahre später als bestbezahlter Schriftsteller der USA. Er lieferte dem New York Sunday World Magazine zum Stückpreis von $ 100 eine Kurzgeschichte pro Woche.
Die wichtigste Sammlung seiner New Yorker Erzählungen erschien 1906 unter dem Titel The Four Million (Die vier Millionen), mit dem er sich gegen die Ansicht wandte, nur die oberste Gesellschaftsschicht sei für die Literatur von Interesse. Viele von O. Henrys besten Geschichten wurden verfilmt und finden sich weiterhin in den Sonntagsbeilagen der Tageszeitungen in aller Welt.
Oft spielen sie in einem düsteren Milieu. Die Helden leben am Rand des Existenzminimums und werden am Beginn der Handlung zusätzlich mit verzweifelten Situationen konfrontiert. In der Schlusspointe führt H. die Geschichten allerdings fast jederzeiteiner glücklichen Lösung zu. Die kleinen Ladenmädchen oder heruntergekommenen Künstler, die O. Henry sorgfältig und mit einer gewissen sentimentalen Heiterkeit zeichnet, verdienen dieses gute Ende, denn sie sind im Innersten nicht korrumpierbar; sie zerbrechen nicht unter dem Druck einer darwinistischen Wirklichkeit, sondern sichern sich durch eine Absage ans äußere Leben und an unrealistische Träumereien ein wohl häufig beengtes, aber beständiges Glück.
O. Henry beherrschte die Gattung der Short story seiner Zeit perfekt, nicht selten parodierte und kommentierte er sie. Obwohl er häufig mit der trivialisierten Short story seiner Zeit identifiziert und deshalb heftig angegriffen wurde, war H. ebenso ein Wegbereiter der modernen Kurzprosa eines
Sherwood Anderson oder
Ernest Hemingway.