Photius kam aus sehr guter Familie: sein Vater Sergius gehörte zur Leibgarde des Kaisers, der Patriarch Tarasius Nikephoros (784-806) war der Onkel oder ältere Bruder seines Vaters, und einer seiner Brüder heiratete die Schwester der Regentin Theodora.
Er studierte in Konstantinopel, dem Zentrum der damaligen Bildung, und lehrte schon früh selbst an der dortigen Universität
Grammatik,
Rhetorik,
Philosophie und
Theologie, wobei er den Ruf eines außergewöhnlich gebildeten Mannes hatte. Zu seinen Schülern gehörte Kyrill, der spätere Slawenapostel und der spätere Kaiser Michael III.. Aus seinen Werken geht hervor, dass er ein ausgezeichneter
Philologe,
Exeget und Kenner der
Patristik war.
Gleichzeitig machte er ebenso bei der byzantinischen Regierung Karriere, er war Kommandant der Leibgarde und dann erster kaiserlicher Sekretär.
847 wurde der radikale, erzkonservative Ignatius I., Sohn des Kaisers Michael I. und Abt eines Klosters von Kaiserin Theodora als Nachfolger des früh verstorbenen moderaten Patriarchen Methodius I. eingesetzt. Er verursachte im Innern von knapper Zeit eine Spaltung unter radikalen und moderaten Bischöfen. Als 856 Kaiser Michael III. volljährig wurde, legte sich Ignatius mit dessen Onkel Bardas an, der die gebildete moderate Fraktion unterstützte. Es ist historisch nicht möglich festzustellen, wie groß der jeweilige Wahrheitsgehalt der gegenseitigen Vorwürfe war -- jedenfalls endete der Konflikt
858 mit dem (mehr oder weniger erzwungenen) Rücktritt von Ignatius.
Kaiser Michael und Bardas wählten den Laien Photius, der sich durch administrative und akademische Fähigkeiten ausgezeichnet hatte, zum neuen Patriarchen, der im Innern von einer Woche zum Patriarchen geweiht wurde. Wie üblich, informierte er seine Kollegen in Rom, Alexandria, Antiochia und Jerusalem bezüglich seines Amtsantritts, wobei er gegenüber Rom den traditionellen Ehrenprimat von Rom durchaus anerkannte.
Es gab keine Probleme mit den anderen östlichen Patriarchen. Auch Papst Nikolaus antwortete freundlich, wollte sich aber obendrein näher über die rasche Ordination informieren. Er sandte deshalb zwei Legaten, die als zweiten Auftrag Illyrien, Kalabrien und Sizilien nochmal für die Jurisdiktion von Rom zurückgewinnen sollten. Die beiden Legaten kamen, nahmen
761 an einem von Photius einberufenen Konzil teil, untersuchten den Fall, und befanden den Rücktritt von Ignatius und Amtsantritt von Photius als legal und kanonisch. Das zweite Ziel konnten sie allerdings nicht erreichen.
Zurück in Rom erstatteten sie Bericht. Enttäuscht über den Fehlschlag bei der Rückgewinnung der Provinzen, erklärte Papst Nikolaus die Untersuchungsergebnisse für null und nichtig, exkommunizierte die beiden Legaten, und erklärte die Weihe von Photius sei ungültig, Photius sei abgesetzt, und Ignatius nochmal eingesetzt. Photius ignorierte das offiziell, verfasste allerdings für den Kaiser einen Brief, in dem Nikolaus als Untertan des Kaisers angeredet wurde -- was nicht überraschend eine hitzige Antwort von Rom bewirkte.
Unterdessen war es obendrein auf einem anderen Gebiet zum offenen Konflikt gekommen. Unterstützt von Kaiser Michael, engagierte sich Photius in der Mission bei den
Rus,
Bulgaren, Bewohnern
Groß-Mährens und
Chasaren. Photius hat einen entscheidenden Anteil an der Christianisierung dieser Völker. Bei den Bulgaren kam es zu einem zusätzlichen Konflikt mit Rom, das gleichfalls Jurisdiktion über die Bulgaren beanspruchte -- und hier erfuhr Photius alarmiert, dass die römischen Missionare ein anderes Glaubensbekenntnis lehrten (mit dem
Filioque).
Nun schlug Photius offiziell zurück. In einer theologisch perfekt ausgearbeiteten Enzyklika an die östlichen Patriarchen
exkommunizierte er seinerseits den Papst, da die Lateiner falsche Bräuche haben, indem sie am Samstag fasten, die Fastenzeit erst am Aschermittwoch beginnen (anstatt drei Tage früher wie im Osten), den Priestern nicht erlauben, zu heiraten (lateinische Missionare hatten in Bulgarien
Taufen von verheirateten Priestern für ungültig erklärt), den Priestern nicht erlauben, die
Firmung zu spenden (lateinische Missionare hatten in Bulgarien Firmungen durch Priester für ungültig erklärt), und, als wesentlichstes, ebenso eine
häretische Lehre, indem sie das
Filioque zum Glaubensbekenntnis hinzugefügt haben.
Aufgrund dieser Irrtümer seien der Papst und alle Lateiner: "Vorboten des Abfalls, Diener des Antichristen, die tausend Tode verdienen, Lügner, Kämpfer gegen Gott".
Diese Enzyklika wird von der römisch-katholischen Kirche als Ursache des Schismas angesehen. Aus orthodoxer Sicht verteidigte Photius die überlieferte Lehre und die traditionelle patriarchale Autonomie -- er führte nichts Neues ein, sondern wehrte sich gegen die einseitigen Neuerungen von Seiten Roms.
Bei dem Konzil 867 wurde die Exkommunikation von Papst Nikolaus offiziell bestätigt. Papst Nikolaus stirbt allerdings ohne von seiner Exkommunikation zu hören.
Doch nun überstürzen sich ebenso in Byzanz die Ereignisse. Kaiser Michael III. wird ermordet. Photius verweigert dem Mörder und Usurpator die Teilnahme am Gottesdienst, der Usurpator Basileios I. der Makedonier stürzt Photios und setzt nochmal Ignatius I. ein, um nebenher die radikale Fraktion in Byzanz und den neuen Papst
Hadrian II. auf seine Seite zu bringen. Ein zusätzliches Konzil mit wenigen Teilnehmern, heute in der katholischen Kirche das
vierte Konzil von Konstantinopel, und kontrolliert von päpstlichen Legaten exkommuniziert und verbannt Photius.
Dieser hatte allerdings jederzeitobendrein die Unterstützung der großen Mehrheit der Metropoliten und Bischöfe (bei dem Konzil gegen ihn waren zuerst kaum 20 Bischöfe bereit, teilzunehmen). Er enthielt sich weise jeden politischen Angriffs, gab seinen Anhängern allerdings brieflich starke moralische Unterstützung. Schließlich wird er aus dem Exil zurückgerufen und zum
Erzieher des späteren Kaisers Leo VI. gemacht. Seine Popularität ist so offensichtlich, dass er drei Tage nach dem Tod von Ignatius
878 nochmal als Patriarch eingesetzt wird.
In Rom ist unterdessen nochmal ein neuer Papst,
Johannes VIII., der mit den
Franken Probleme hat und deshalb gute Beziehungen mit Byzanz wünscht. Am Konzil von
879, in der Ostkirche das
vierte Konzil von Konstantinopel, das der Papst ausdrücklich anerkennt, wird das antiphotianische Konzil von 869 aufgehoben und Photius voll rehabilitiert. Für den Westen wurde der römische Primat einschließlich Jurisdiktion anerkannt, für den Osten jede päpstliche Jurisdiktion abgelehnt. Auch wird der Originaltext des
Nicäno-Konstantinopolitanum ohne
Filioque bekräftigt. Damit ist das Photius-Schisma erst einmal beendet.
882 wird Papst Johannes VIII. durch Papst
Marinus I. abgelöst, der Photius nochmal exkommuniziert, worauf Photius seine
Abhandlung über die Mystagogie des Heiligen Geistes veröffentlicht, in der er neben Bibelauslegungen und Zitaten der östlichen Kirchenväter ebenso spezifisch
Ambrosius von Mailand,
Augustinus von Hippo und
Hieronymus sowie Päpste von
Damasus I. bis
Hadrian III. zitiert, um seine Argumente zu unterstützen. Diese Abhandlung ist bis heute in der Ostkirche ein Standardwerk bezüglich des
Filioque.
886 starb Kaiser Basileios I. unerwartet. Sein Nachfolger, Leo VI. setzte Photius zugunsten seines sechzehn jährigen Bruders Stefan ab. Den Rest seines Lebens verbrachte Photius in einem Kloster in Armenien.